Weshalb der Campus „Siegen Mitte“ den Namen Walter-Krämer-Campus tragen sollte.

„Die Fakten sind geschaffen. Was dem Campus noch fehlt, ist ein Name…“ heißt es in der amtlichen Mitteilung, die die Universitätsleitung am 01.09.2014 auf ihrer Homepage veröffentlichte. „Unimitglieder, Studierende und Bevölkerung“ sind dort aufgerufen „Ideen und Vorschläge“ einzureichen. Eine Jury wählt aus den eingegangenen Vorschlägen aus und der Sieger/die Siegerin wird mit einer abendlichen Führung durch Siegen und einem Restaurant-Besuch für vier Personen belohnt.
Dies mithin vorab: Dieser Vorschlag hier zielt nicht darauf ab, um der Gewinne willen zu „gewinnen“. Dies wäre auch nicht gut möglich – wird dieser Vorschlag doch von den Gremien der studentischen Selbstverwaltung unterstützt, nicht von Einzelpersonen unterbreitet. Die so vom Rektorat gesparten Kosten für Führung und Restaurant-Besuch können von uns aus gerne einem sozialen Projekt zu Gute kommen.

Wie lautet der Vorschlag?
Wir schlagen vor den neuen Campus „Siegen-Mitte“, rund um das ehemalige Krankenhaus Stadtmitte in der Kohlbettstraße, mit dem Namen „Walter Krämer-Campus“ auszuzeichnen.

Wer war Walter Krämer?
Vielen, vor allem jüngeren Siegenerinnen und Siegenern, war der Name Walter Krämer lange Jahre so gut wie unbekannt, ältere Bürgerinnen und Bürger erinnerten sich oft nur schemenhaft. Dies hat sich, den unermüdlichen Aktivitäten einzelner Personen und verschiedener Initiativen sei Dank, seit den 1990er Jahren durchaus verändert. Einige kommunalpolitische Kämpfe wurden ausgefochten – dennoch: Walter Krämer ist noch immer vielen Siegenerinnen und Siegenern kein Begriff. Dies zu ändern ist Sinn und Zweck unseres Vorschlags.

Walter Krämer wurde am 21.Juni 1892 in Siegen geboren. Er ergriff den Beruf des Schlossers und nahm als Matrose am Ersten Weltkrieg teil. Als der Krieg 1918 durch die Novemberrevolution endete, schloss sich Krämer den revoltierenden Massen, die eine Abdankung des Adels und eine demokratische Neuformierung der deutschen Gesellschaft erstrebten, an und wurde in den Siegener Arbeiter- und Soldatenrat berufen. Ende 1920 trat Krämer der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) bei und begann eine politische Karriere, die ihn von der Siegener Stadtverordnetenversammlung in den Preußischen Landtag führte, dessen Mitglied er in den Jahren 1932/33 war.

Nach der Machtübertragung 1933, bei der Reichspräsident Paul von Hindenburg den Vorsitzenden der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), Adolf Hitler, zum Reichskanzler ernannte, begann die gezielte Ausschaltung der politischen Gegner der Nationalsozialisten. Der Reichstagsbrand 1933 bot den Nationalsozialisten einen Anlass gegen Demokraten, Sozialisten, Kommunisten, missliebige christliche Aktivisten und Gewerkschaftsmitglieder vorzugehen.

Am 28. Februar 1933 wurde Walter Krämer, im Zuge dieser Aktionen, in Hannover verhaftet und (nach einigen Haftjahren in verschiedenen Zuchthäusern) im August 1937 als politischer Gefangener im Konzentrationslager (KZ) Buchenwald inhaftiert.

Walter Krämer wurde im Krankenbau des Lagers als Pfleger eingesetzt und maßgeblich durch seine Initiative gelang es viele Häftlinge, zumindest eine Zeit lang, vor den Wachmannschaften der SS zu schonen. Doch dies war nicht alles – Krämer eignete sich, im Selbststudium, medizinische Kenntnisse an, organisierte die Krankenversorgung und führte selbst Operationen durch, bei denen er Häftlingen das Leben rettete. Es gelang ihm immer wieder, durch verschiedene Tricks und (nicht zuletzt ihn selbst gefährdende) Abmachungen mit der SS Menschen zu retten bzw. vorübergehend in Sicherheit zu bringen.
Der SS wurde Walter Krämer unbequem, denn er wusste viel über das Lagersystem und Verstöße von SS-Angehörigen gegen ihre Dienstpflichten und organisierte mit anderen Kommunisten zusammen den Widerstand im Lager.

Am 6. November 1941 wurde Walter Krämer bei der Stadt Goslar von der SS in eine Falle gelockt und „auf der Flucht erschossen“. Seine Witwe, Elisabeth Krämer, bekam seine Asche zugestellt und beerdigte ihn später im selben Monat in Siegen, wo er bis heute ruht (auf dem Hermelsbacher Friedhof).
Posthum wurde der Name und das Wirken Walter Krämers Millionen Menschen bekannt – als „Der Arzt von Buchenwald“ blieb er nicht nur im Gedächtnis der ehemaligen Häftlinge des KZ Buchenwald nach deren Befreiung bzw. Selbstbefreiung; der Schriftsteller Bruno Apitz setzte ihm in seinem Welterfolg „Nackt unter Wölfen“ (Halle, 1958) auch ein literarisches Denkmal und beschrieb ihn in einem Brief folgendermaßen:

„Wir alten Buchenwalder haben ihn alle noch in Erinnerung und wissen, daß durch seine Wirksamkeit vielen Mithäftlingen das Leben gerettet worden ist. Was seine Leistung, besonders in den ersten Jahren des Lagers, bedeutet hat, wissen wir alle. Nicht nur, daß er aus dem Nichts heraus und unter Zurückstellung seiner eigenen Sicherheit das Häftlingsrevier aufgebaut hatte, hat mich veranlaßt, seinen Namen der Vergessenheit zu entreißen, nicht nur seine Tatkraft, sein Mut, seine stete Hilfsbereitschaft haben meinen Entschluß bestimmt, sondern im Besonderen die Tatsache, daß sich Walter Krämer, um helfen zu können, unter schwierigsten Bedingungen medizinisches Fachwissen angeeignet hat. Was das für einen einfachen Menschen ohne akademische Bildung bedeutet,
läßt sich kaum sinnfällig machen (…) so hat er schwierige Fachliteratur durchgearbeitet, hat sich durch die Fachterminologie durchgefressen, keiner hat ihm dabei helfen können. Mir
ist es bis heute unbegreiflich gewesen, wie Walter Krämer es geschafft hat, schwierige Operationen an verwundeten Häftlingen vorzunehmen. Was wurde in den genannten Jahren täglich ins Revier geschleppt! Häftlinge, denen die SS mit dem Gewehrkolben die Kiefer zertrümmert hatten. Häftlinge mit zerschmetterten Schädeln, mit zerrissenen Nieren und Lungen, mit gebrochenen Armen und Beinen (…) Welche Entschlußkraft gehörte für den einfachen Arbeiter Walter Krämer dazu, so einen menschlichen Trümmerhaufen wieder zusammen zu flicken, ihm dem Tod zu entreißen! Wenn ich daran denke, wie dieser stupide SS-Hauptsturmführer, der sich ´Dr. Hoven´ nannte (…) noch nicht einmal imstande war, ein Blutbild unter dem Mikroskop anzufertigen, dann wächst die menschliche Größe des einfachen Arbeiters Walter Krämer himmelhoch (…) hinaus. Walter Krämers heilende
Instrumente waren Skalpell und Pinzette, Hovens Instrument dagegen war die todbringende Giftspritze. So war es! Und weil es so war, gehörte es zu meiner menschlichen Pflicht, den Namen dieses hervorragenden Menschen der Vergessenheit zu entreißen. Ich bin glücklich, daß mein Roman eine so große Resonanz gefunden hat und somit der Name Walter Krämer im Gedächtnis vieler Menschen haften geblieben ist. Jedoch nur der Name. Den wirklichen Walter Krämer in seiner Bedeutsamkeit den Menschen nahezubringen, bleibt noch vorenthalten (…)“.


Warum sollte Walter Krämer durch die Namensgebung geehrt werden?

1. Walter Krämer wurde nach seinem Tod, nicht nur durch das Andenken der ehemaligen Buchenwalder und den (verfilmten) Roman von Bruno Apitz, an vielen Orten geehrt. Überall fand „Der Arzt von Buchenwald“ für sein solidarisches Verhalten, seine humanistische Grundüberzeugung und seine aufopfernden Taten Anerkennung, Bewunderung und eine entsprechende Form der Würdigung: In der DDR trugen medizinische Fachschulen seinen Namen, ebenso ein Boot der Marine.

In der Literatur zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus, in Ost und West, spielt er immer wieder eine Rolle. Im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald erinnert heute eine Gedenktafel an ihn und – eine Ehre, die bisher nur wenigen Deutschen zu Teil wurde, unter anderem Oskar Schindler – im Jahre 2000 zeichnete ihn die israelische Gedenkstätte Yad Vashem mit dem Titel „Gerechter unter den Völkern“ aus. Eine würdige Ehrung in seiner Heimatstadt Siegen hingegen zog sich jahrzehntelang hin und wurde immer wieder durch die politische Fronstellung im Kalten Krieg und provinzielle Befindlichkeiten darüber hinaus verhindert. Erst im letzten Jahr entschied man sich im Rat der Stadt Siegen einen Platz vor dem Kreiskrankenhaus nach dem wohl (neben Rubens…) berühmtesten Sohn der Stadt zu benennen. Wir finden: Dies genügt nicht! Der Name Walter Krämer muss sichtbar das Stadtbild prägen und Stadt und Universität sollten den Auftrag haben das Gedenken an diesen Menschen und seine großartigen Taten deutlich zu pflegen!

2. „Der [Name des neuen Campus] sollte einen Bezug zur Lokalität und zur Wissenschaft und somit Universität haben“ heißt es zudem in der Mitteilung der Universitätsleitung zur Namenssuche. Nun, Walter Krämer steht gewiss in deutlicherem Zusammenhang mit der Region, der Stadt Siegen und der Universität der Stadt Siegen als Friedrich Hölderlin, Paul Bonatz, Emmy Noether oder Adolf Reichwein, nach denen die übrigen Campus unserer Universität benannt sind. Ist eine/r der Genannten in Siegen geboren, hat hier gelebt und/oder gewirkt bzw. ist hier begraben? Nein. Walter Krämer hingegen war gebürtiger Siegener, hat in Siegen gewirkt und ist hier begraben. Sein Name macht in aller Welt Eindruck und wir finden, es stände einer sich demokratisch, progressiv, weltoffen nennenden und (im Prinzip) humanistischen Idealen verpflichteten Bildungsanstalt gut an, den Namen Walter Krämer in seiner Heimatstadt weiter dem Vergessen zu entreißen.

3. Walter Krämer eignete sich medizinische Kenntnisse im Konzentrationslager unter schwierigsten Bedingungen (!) an – er war Autodidakt und kam aus einfachsten Verhältnissen. Gerade im (oben zitierten) Brief von Bruno Apitz werden die überragenden Lernerfolge Krämers aufgezeigt. Ein bildungsbeflissener Schlosser, der in der Not zu solchen Höchstleistungen in der Lage war: Sollte dies nicht auch, gerade für viele Studierende unserer Universität, die, wie Krämer, aus nichtakademischen Milieus stammen ein Anreiz, ein Ansporn, ein Vorbild sein? So wenig vergleichbar der Kontext der Auseinandersetzung und die Art der Aneignung des Wissens ist, so wäre es doch kein Argument gegen Walter Krämer, zu behaupten, er habe in seiner Vita keine Berührungspunkte mit der Akademie bzw. akademischem Wissen in toto und sei deshalb kein würdiger Namenspatron.

4. Gerade auch den Studierenden heute kann Walter Krämer zum Vorbild dienen: Solidarisch handeln, menschlich handeln – auch und gerade in bitteren Zeiten, in Zeiten des Unrechts! Seine humanistische Gesinnung und sein kritischer Geist könnten zunehmend wichtigere Impulse in eine Welt tragen, in der die Grundwerte menschlichen Zusammenlebens häufig genug mit Füßen getreten werden. Nicht zuletzt wurde die Forderung nach einem Walter-Krämer-Gebäude(-komplex) zudem bereits während der Studierendenproteste in den Jahren 2002 und 2006/07 deutlich artikuliert – so wurde u.a. während der Besetzung des Rektorats im Jahre 2006 das Gebäude am Herrengarten durch ein nach außen gehängtes Transparent spontan in „Walter-Krämer-Haus“ umbenannt.

Wir denken, dass die Gründe für eine Ehrung Walter Krämers in der vorgeschlagenen Form hiermit hinreichend dargelegt sein dürften. Gegner dieses Vorschlags hingegen sollten sich fragen: Wessen und wem sollten wir uns rühmen, wenn nicht ihm und seiner Taten?

Wer unterstützt diesen Vorschlag?

Siegen, 08.09.2014.